Der Trauerhahn – Klare Worte zur Bestattungskultur,

die Kolumne 


Zwischen Tradition, Tabubruch und der Freiheit des Abschieds.


Bestattung ist mehr als Handwerk – es ist gesellschaftlicher Spiegel und politisches Handeln. Seit 1872 begleiten wir Familien in der vierten Generation. Doch Tradition bedeutet für uns nicht Stillstand, sondern das Bewahren von Werten bei gleichzeitigem Mut zur Veränderung.

In dieser Kolumne spricht André Hahn über das, was die Branche bewegt und oft verschweigt. Von bürokratischen Hürden in den Standesämtern bis hin zum Kampf für die Bestattungsfreiheit und das Recht, die Urne der Liebsten dort zu wissen, wo sie hingehören: im Kreise der Familie.

Der Trauerhahn ist unsere Stimme für einen modernen, würdevollen und freien Abschied.

Kolumne 1 (2026)

 

Die Urne im Wohnzimmer: Mein letzter Umzug bleibt meine Sache!

Man sagt ja, der Hamburger an sich sei eigenwillig. Wir entscheiden, ob wir Alster oder Elbe gucken, ob wir Franzbrötchen mit oder ohne Streusel essen und ob wir bei Schietwetter überhaupt vor die Tür gehen. Kurzum: Wir lieben unsere Freiheit. Nur bei einer Sache hört der Spaß im Norden plötzlich auf: beim Sterben. Oder genauer gesagt: bei dem, was danach kommt.

Wer in Hamburg oder Schleswig-Holstein das Zeitliche segnet und sich für die Einäscherung entscheidet, tritt eine seltsame letzte Reise an. Während man zu Lebzeiten noch mühsam nach einer bezahlbaren Mietwohnung gesucht hat, wird einem für die Ewigkeit plötzlich ein Platz aufgezwungen: der Friedhof.

Verstehen Sie mich nicht falsch: Friedhöfe sind wunderbare Orte. Aber warum muss die Urne von Tante Erna zwingend zwischen fremden Menschen unter norddeutschem Rasen stehen, wenn sie doch viel lieber im heimischen Regal neben ihren geliebten Krimis geblieben wäre?

In anderen Ländern ist die „Urne to go“ längst Alltag. Da darf der Opa auf dem Kaminsims stehen oder im Garten unter dem Apfelbaum die Ruhe genießen. Nur bei uns herrscht der „Beisetzungszwang“. Es ist, als würde der Staat befürchten, wir würden unsere Verwandten im Affekt als Türstopper benutzen oder beim nächsten Umzug im Sperrmüll vergessen.

Natürlich brauchen wir Regeln. Niemand will, dass die Urne als Pfandobjekt endet oder die Totenfürsorge im Chaos versinkt. Aber ein bisschen mehr Vertrauen in die Bürger wäre schön. Wenn ich mein ganzes Leben lang entschieden habe, wo ich wohne, warum darf ich das für meine Asche nicht auch?

Wir haben deshalb eine Petition ins Leben gerufen. Unser Ziel: Die Freiheit der Entscheidung. Wer auf den Friedhof will – wunderbar. Aber wer lieber „zu Hause“ bleiben möchte, sollte das dürfen. Ein bisschen weniger Bürokratie und ein bisschen mehr Herz für die letzte Adresse – das wäre doch mal ein echter Norden.

Denn seien wir ehrlich: Wer möchte schon dort liegen, wo er gar nicht hinwollte, nur weil das Gesetz es so vorschreibt? Ich für meinen Teil würde meine letzte Tasse Tee lieber im vertrauten Wohnzimmer „genießen“ als im Hamburger Nieselregen auf Parzelle 4b.




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