Haben Sie sich heute schon einmal bei Gott bedankt oder den Himmel um Hilfe angefleht? Wahrscheinlich
ja, ohne es zu merken. Es ist eines der kuriosesten Phänomene unserer Zeit: Die Kirchenbänke mögen
leerer werden, aber in unserer Sprache ist Gott präsenter denn je.
Die Bibel gilt als das meistverkaufte Buch der Weltgeschichte. Doch ihre wahre Macht entfaltet sie nicht nur
im schwarzen Ledereinband, sondern zwischen unseren Lippen. Wenn uns beim Einparken in der
Hamburger Innenstadt jemand die Vorfahrt nimmt, entweicht uns ein entsetztes „Um Himmels Willen!“.
Wenn wir im Lotto gewinnen, ist es „Gott sei Dank“, und wenn uns eine Nachricht völlig unvorbereitet trifft,
rufen wir fassungslos: „Oh mein Gott!“.
Besonders amüsant wird es, wenn man den Blick in den süddeutschen Raum schweifen lässt. Dort
begegnet einem noch heute dieses ehrwürdige „Gott zum Gruße“. Was für uns Norddeutsche fast schon
wie eine Audienz beim Papst klingt, ist dort eine tief verwurzelte Ehrerbietung. Es ist mehr als ein „Guten
Tag“ – es ist der Wunsch, dass der Gegenüber unter einem besonderen Schutz steht. In unserer
modernen, oft unterkühlten Kommunikation wirkt so eine Floskel wie ein warmer Mantel aus vergangenen
Jahrhunderten.
Ist das Anbetung? Meistens wohl eher nicht. Es ist die Suche nach einer Symbolkraft, die größer ist als
unser alltäglicher Wortschatz. Wenn das normale „Wahnsinn“ nicht mehr reicht, muss eben der Schöpfer
herhalten. Diese Buchstaben haben eine gewaltige Resonanz – sie sind die emotionalen Ausrufezeichen
unserer Kultur.
In meinem Beruf begegnen mir diese Floskeln in den seltsamsten Momenten. Da wird nach einer schweren
Krankheit beim Abschied am Grab leise „Gott sei Dank hat er es geschafft“ gemurmelt. In diesem Moment
ist es kein religiöses Bekenntnis, sondern ein tiefes Aufatmen, für das die menschliche Sprache sonst kein
Wort bereithält. Es ist der Griff nach dem „Bestseller der Gefühle“, um dem Unfassbaren einen Rahmen zu
geben.
Wir modernisieren alles, fahren mit dem E-Auto zum Friedhof und regeln Behördengänge digital.
Aber wenn uns wirklich etwas überrascht, erschreckt oder erfreut, fallen wir zurück in die jahrtausendealte
Rhetorik. Wir nutzen die biblische Wucht, um unseren kleinen Alltagmomenten Gewicht zu verleihen.
Vielleicht ist das gar nicht so schlecht. Es zeigt, dass wir tief im Inneren doch noch wissen, dass es Dinge
gibt, die über unseren Verstand hinausgehen – egal, ob wir uns nun mit einem kühlen Moin oder einem
ehrfürchtigen „Gott zum Gruße“ begegnen. In diesem Sinne: Gott sei Dank haben wir diese Worte, wenn
uns sonst die Sprache fehlt.
Der Trauerhahn.
Ihre Stimme für eine moderne Bestattungskultur
Reden wir Tacheles – Ihre Meinung im „Trauerhahn-Dialog“
„Tradition braucht den Austausch, und Fortschritt braucht Ihre Stimme. Als Familienunternehmen in der
4. Generation wissen wir, dass Abschiede so individuell sind wie das Leben selbst.
Doch oft stehen veraltete Gesetze und starre Strukturen unserem Wunsch nach Freiheit im Weg.
In unserem Kolumnen-Chatroom – unserem digitalen Gästebuch – möchten wir Ihnen den Raum geben, den die Bestattungskultur so dringend benötigt:
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