Es ist diese besondere Zeit kurz vor dem Morgengrauen. Die Welt hält noch den Atem an, der erste Kaffee dampft vielleicht schon, aber der Verstand ist noch im Ruhemodus. Und dann schrillt das Telefon. In meinem Beruf bedeutet das meistens: Das Leben eines anderen Menschen ist gerade zum Stillstand gekommen.
Seit vielen Jahren haben wir eine Telefonanlage, die in den Nachtstunden wie ein digitaler Lotse fungiert. Eine ruhige Stimme bittet den Anrufer, bei einem akuten Sterbefall die „1“ zu drücken. Dieser eine Tastendruck ist mehr als nur eine technische Funktion – er ist die Soforthilfe, die direkte Leitung zu mir, mitten in die persönliche Betreuung. Wer diese Taste drückt, braucht keine Warteschleife. Er braucht Halt.
Am anderen Ende eine Stimme, die versucht, fest zu klingen, aber zittert. Eine Dame berichtet mir in „Herrgottsfrühe“ vom Tod ihres Mannes. Wir Bestatter hören in diesen ersten Sekunden zwischen die Zeilen. Wir lauschen auf die „Gesprächsfetzen“, um zu verstehen, wo der Schmerz gerade sitzt.
Ich frage vorsichtig nach der ärztlichen Todesbescheinigung, nach dem Prozedere in der Residenz. Und dann kommt diese lange, bezeichnende Pause. „Nein, nein, wir fahren da jetzt erst mal hin“, sagt sie.
In diesem Moment wird klar: Hier agiert kein „kühler Kopf“. Hier agiert ein Herz unter Schock. Der Anruf bei mir erfolgte, noch bevor der Arzt verständigt wurde, noch bevor der Abschied am Sterbebett überhaupt stattgefunden hat. Warum macht ein Mensch das? Warum informiert man den Bestatter, bevor die formalen Voraussetzungen überhaupt geschaffen sind?
Es ist der Drang nach Struktur im totalen Chaos. Wenn die Welt aus den Fugen gerät, sucht man instinktiv einen Profi, der die Leitplanken hält. Der Anruf ist keine logische Abfolge von Schritten, sondern ein Hilferuf nach Führung. Man will einfach hören: „Ich bin da. Nehmen Sie sich Zeit für den Abschied.“
Diese frühen Anrufe sind oft gar keine „geschäftlichen“ Vorgänge. Es sind Momente, in denen wir eher Seelentröster und Navigationssysteme sind.
Es ist fast schon dubios, wie sehr der Mensch in der Krise die gewohnte Logik ablegt und einfach nur nach einer Stütze greift – egal, um wie viel Uhr die Sonne aufgeht. Unsere Telefonanlage sorgt dafür, dass dieser Hilferuf nicht im Leeren verhallt.
Ich rate in solchen Momenten immer zur Ruhe. Die Bürokratie rennt uns nicht weg. Aber die erste Stunde des Abschieds, die kommt nie wieder.
Der Trauerhahn.
Reden wir Tacheles – Ihre Meinung im „Trauerhahn-Dialog“
„Tradition braucht den Austausch, und Fortschritt braucht Ihre Stimme. Als Familienunternehmen in der
4. Generation wissen wir, dass Abschiede so individuell sind wie das Leben selbst.
Doch oft stehen veraltete Gesetze und starre Strukturen unserem Wunsch nach Freiheit im Weg.
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