„Ich bin nur in das Zimmer nebenan gegangen.“ – Solche Verse, oft Michelangelo oder Henry Scott Holland zugeschrieben, finden wir häufig in Traueranzeigen. Sie sollen Trost spenden, den Tod als bloßen Raumwechsel darstellen. Doch als Ihr Trauerhahn frage ich mich oft: Gibt es diesen universellen Trost überhaupt für ein verlorenes Leben?
In meinem Beruf als Bestatter philosophiere ich viel mit Menschen. Viele ältere Menschen sagen mir: „Wissen Sie, Herr Hahn, irgendwann kommt man in ein Alter, da ist der Tod eine Gnade.“ Das ist ein berechtigter Gedanke, wenn die Kräfte schwinden.
Doch viel öfter höre ich Sätze, die mich aufhorchen lassen – Sätze von Menschen Mitte 60 oder 70, die mitten im Leben stehen. Da heißt es dann: „Eigentlich müsste der Parkettboden im Wohnzimmer mal aufgefrischt werden. Aber wenn man drüber nachdenkt: Lohnt sich das überhaupt noch?“
Wenn ich das höre, frage ich nach: Was bedeutet das im Detail? Wer entscheidet, wann sich das Leben nicht mehr „lohnt“?
Das Gleiche begegnet mir bei materiellen Dingen. Da kauft sich jemand ein besonderes Auto und sagt: „Das ist mein letztes.“ Wer sagt das? Wer weiß, ob das Auto nicht übermorgen ersetzt werden muss? Dieser Fokus auf das vermeintliche Ende nimmt uns die Freude am Handeln im Hier und Jetzt.
Ich habe vor Kurzem in dem wunderbaren Hörbuch „Die Katze des Dalai Lama“ eine schöne Inspiration gefunden: Es lohnt sich jeden Tag, aufzustehen, etwas zu erleben und zu handeln.
Mein kleiner Tipp für Sie: Wenn man etwas für andere tut, lenkt es enorm von den eigenen Sorgen und dem Grübeln über die eigene Vergänglichkeit ab. Es zieht einen aus dem Loch des „Es lohnt sich nicht mehr“ heraus.
Der Umgang mit der Zeit, die uns bleibt, ist eine bewusste Entscheidung. Wir sollten die Dinge beim Namen nennen, aber wir sollten nicht aufhören, unser Umfeld zu gestalten. Ob es das Auffrischen des Parketts ist oder der Kauf eines Autos, das uns Freude bereitet: Jeder Tag ist es wert, neu gestaltet zu werden.
Denn am Ende zählt nicht, wie viele Tage wir hatten, sondern wie viel Leben wir in diese Tage gelassen haben.
Herzlichst,
Der Trauerhahn
Reden wir Tacheles – Ihre Meinung im „Trauerhahn-Dialog“
„Tradition braucht den Austausch, und Fortschritt braucht Ihre Stimme. Als Familienunternehmen in der
4. Generation wissen wir, dass Abschiede so individuell sind wie das Leben selbst.
Doch oft stehen veraltete Gesetze und starre Strukturen unserem Wunsch nach Freiheit im Weg.
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