Man geht über einen Friedhof, wie den Ohlsdorfer Friedhof, und ist eigentlich auf der Suche nach Ruhe.
Man möchte dem Stein begegnen, der Inschrift, der Würde, die ein Grab ausstrahlen sollte. Die Sonne
steht tief, die Stimmung ist andächtig – bis man einen Blick hinter die Kulissen wirft.
Und mit „hinter die Kulissen“ meine ich den schmalen Pfad hinter der Grabreihe. Dort offenbart sich oft ein
Bild, das mit Pietät und Ästhetik so gar nichts mehr zu tun hat. Da stapeln sich siech die Gießkannen in
grellem Plastik-Pink oder knalligem Lila. Dazwischen rostige Schaufeln, kleine Sparten und – fast schon ein
Markenzeichen unserer Zeit
Windmühlen, Frösche,Glitzersteine. Alles Dinge, die für einen kurzen Moment der Trauer gedacht waren, dann aber hinter dem Stein „geparkt“ und dort schlichtweg vergessen wurden
Es ist das Prinzip „Vorne hui, hinten pfui“. Während die Vorderseite des Grabes als Visitenkarte der
Erinnerung fungiert, ist die Rückseite zur Abstellkammer verkommen. Und es ist nicht nur ein optisches
Problem. Wir befinden uns in der Zeit des Erwachens: Das Frühjahr lockt, der Sommer kommt, und mit ihm
das stehende Wasser in den Gießkannen.
Diese kleinen Plastik-Tümpel hinter den Grabsteinen sind die perfekten Brutstätten für Mücken. Wenn man
dann, in Gedanken versunken, am Stein innehält, fühlt sich die Insekten-Armada in ihrem Sumpf gestört. Es
surrt, es schwirrt, und im ersten Moment, wenn man nicht hinsieht, könnte man fast meinen, aus der Gruft
käme ein unerwarteter Gruß entgegen. Es zerstört den Moment der Einkehr grundlegend.
Mich erschreckt dabei die Gleichgültigkeit. Friedhöfe wirken oft wie starre, verwaltete Räume, in denen das
operative Geschäft – die Beisetzung – im Vordergrund steht. Es wirkt, als sei die Kommerzialisierung der
letzte Zweck: Hauptsache, die Grabgebühren fließen. Dass eine Friedhofskultur auch eine
Gestaltungskultur* sein müsste, scheint in den Köpfen der Verwaltung kaum anzukommen.
Warum gibt es keine zentralen, ästhetisch eingebundenen Entnahmestellen für Gießkannen? Warum muss
jeder Quadratzentimeter Friedhofsgelände mit Plastik-Utensilien der Hinterbliebenen zugestellt werden
dürfen?
Wenn man zum Vergleich einen jüdischen Friedhof besucht, ist der Kontrast radikal. Dort wird nicht
versucht, die Natur gegen eine künstliche Perfektion auszuspielen. Man findet keine grellen Gießkannen.
Stattdessen liegen auf den Monumenten kleine Steine. Ein schlichtes, ehrliches Zeichen: *Hier war jemand,
der an dich gedacht hat.* Es ist eine Form der Erinnerungskultur, die nicht versucht, den Tod zu
überdecken oder mit Konsumartikeln „aufzuhübschen“. Es ist pur, zeitlos und vor allem: Es ist würdevoll.
Wir im Bestattungswesen – und damit meine ich uns alle, die wir den letzten Weg begleiten – sollten den
Mut haben, diese Themen anzusprechen. Wir müssen den Friedhof wieder als einen Ort begreifen, der den
Respekt vor dem Leben und dem Tod nicht an der Vorderkante des Grabsteins enden lässt.
Es braucht mehr Planung, mehr Regeln und vor allem mehr Bewusstsein dafür, dass Ästhetik nicht bei der
Trauerrede aufhört, sondern bei der Pflege des Gedenkens beginnt. Wir sollten den Plastik-Wildwuchs
beenden und Raum für das Wesentliche schaffen – für echte Erinnerung, statt für ein Sammelsurium aus
dem Baumarkt.
Der Trauerhahn
Reden wir Tacheles – Ihre Meinung im „Trauerhahn-Dialog“
„Tradition braucht den Austausch, und Fortschritt braucht Ihre Stimme. Als Familienunternehmen in der
4. Generation wissen wir, dass Abschiede so individuell sind wie das Leben selbst.
Doch oft stehen veraltete Gesetze und starre Strukturen unserem Wunsch nach Freiheit im Weg.
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