Wenn Trauerfeiern zur Nebensache werden: Ein kritischer Blick auf die Unruhe der Gäste und die Schwierigkeit, sich in Zeiten der Ablenkung wirklich auf das Leben eines Verstorbenen einzulassen.
In unserer Tenne schaffen wir einen Raum, der zum Innehalten einlädt. Wenn nach der Trauerfeier die Bilder des Verstorbenen über die Monitore laufen, ist das für mich einer der wichtigsten Momente.
Es ist die Zeit des „Balsam-Seins“. Ein visuelles Vermächtnis, das eine halbe oder dreiviertel Stunde lang den Raum füllt, um Erinnerungen zu wecken, Gespräche anzuregen und das Leben noch einmal in seiner Gesamtheit sichtbar zu machen.
Doch während ich durch die Räumlichkeiten laufe, mache ich eine Beobachtung, die mich – offen gestanden – immer wieder erschüttert.
Es scheint den Menschen heute unendlich schwerzufallen, sich auf diesen Rückblick zu konzentrieren. Die Aufmerksamkeitsspanne unserer Zeit macht auch vor der Trauer nicht halt.
Immer öfter stelle ich fest, dass die Gespräche an den Tischen innerhalb von Minuten vom Verstorbenen wegdriften.
Zwar hören wir oft bewundernde Worte über unser Haus – dass man „so etwas Besonderes“ noch nie erlebt habe. Das freut uns natürlich und bestätigt die Familie in ihrer Wahl für diesen individuellen Abschied.
Doch kaum ist dieses Lob ausgesprochen, schnappt die Falle des Vergleichs zu: „Das kenne ich sonst nur so bei...“ oder „Wisst ihr noch, damals...“. Plötzlich geht es nicht mehr um den Menschen, dessen Bilder gerade über den Schirm laufen. Die Verbindung reißt ab.
Besonders traurig macht mich die „Besuch-Mentalität“. Da kommen Gäste, die sich sichtlich nur deshalb ins Kondolenzbuch eintragen, damit ihr Name dort steht. Damit man gesehen wurde.
Doch ihre Gedanken sind längst woanders.
Ich höre im Vorbeigehen Fetzen von Gesprächen über den morgigen Urlaub oder die dringende Erledigung, die noch ansteht. Man steht dort, nippt am Kaffee und wirkt, als würde man innerlich schon die Koffer packen.
Die Trauerfeier wird zum „Termin“, den man abhakt, statt zum Moment, den man durchlebt.
In solchen Augenblicken suche ich bewusst das Gespräch.
Ich trete in die Runde und frage nach den Befindlichkeiten, aber vor allem stelle ich die entscheidende Frage: „In welcher Verbindung standen Sie eigentlich zum Verstorbenen?“ Ich tue das absichtlich.
Ich möchte diese Kreise der Belanglosigkeit sprengen.
Ich möchte die Menschen sanft, aber bestimmt daran erinnern, warum wir hier sind. Es geht in diesem Moment nicht um das Woanders und das Morgen.
Es geht um das Hier und das Gestern. Es geht um die Ehre, die wir einem Menschen erweisen, indem wir uns Zeit für ihn nehmen – echte, ungeteilte Zeit.
Ein Leben dauert Jahrzehnte, doch wir bringen oft nicht einmal mehr 45 Minuten Geduld auf, um uns seine Bilder anzusehen. Das ist mehr als nur unhöflich; es ist ein Symptom unserer flüchtigen Gesellschaft.
Wahre Pietät zeigt sich nicht nur im schwarzen Anzug oder im Eintrag ins Buch. Sie zeigt sich darin, dass man bleibt – mit den Gedanken und mit dem Herzen.
Dass man die Bilder nicht nur sieht, sondern sie betrachtet. Dass man dem Verstorbenen den Respekt zollt, die eigene Agenda für einen Moment ganz weit hintenanzustellen.
Denn wenn wir verlernen, uns an die Toten zu erinnern, verlieren wir auch ein Stück der Achtung vor dem Leben selbst.
Ihre Stimme für eine moderne Bestattungskultur
Reden wir Tacheles – Ihre Meinung im „Trauerhahn-Dialog“
„Tradition braucht den Austausch, und Fortschritt braucht Ihre Stimme. Als Familienunternehmen in der
4. Generation wissen wir, dass Abschiede so individuell sind wie das Leben selbst.
Doch oft stehen veraltete Gesetze und starre Strukturen unserem Wunsch nach Freiheit im Weg.
In unserem Kolumnen-Chatroom – unserem digitalen Gästebuch – möchten wir Ihnen den Raum geben, den die Bestattungskultur so dringend benötigt:
Teilen Sie Ihre Gedanken zu unseren aktuellen Kolumnen-Themen.
Diskutieren Sie mit uns über die Petition zur Bestattungsfreiheit und das 'Bremer Modell'.
Stellen Sie Fragen, die Sie schon immer einem Experten stellen wollten.
Wir laden Sie herzlich ein, Ihre Kommentare, Erfahrungen und Anregungen hier zu hinterlassen.
Wir freuen uns auf einen respektvollen, mutigen und ehrlichen Dialog mit Ihnen.
Wenn Sie unsere wöchentlichen Kolumnen, neuen Novellen und Informationen zu Themen wie dem „Bremer Modell“ oder praktischer Nachlasshilfe automatisch erhalten möchten, nutzen Sie bitte unser geschütztes Kontaktformular.