Manchmal frage ich mich beim Blick in die sozialen Netzwerke, ob ich lachen oder den Kopf schütteln soll.
Es ist eine bizarre Welt geworden. Da sitzen Menschen in Dubai oder Fernost – geflohen vor dem
„schrecklichen“ Deutschland –, nur um beim ersten Anzeichen von politischem Gegenwind via Smartphone-
Kamera zu jammern: „Warum holt uns niemand hier raus?“
Diese Borniertheit, die Freiheit des Auswanderns zu feiern, aber die Vollkasko-Rettung durch das eben
noch verschmähte Heimatland einzufordern, ist das eine.
Das andere ist die Art der Präsentation: Da wird
in die Kamera geschnippt, sich im Gesicht rumgefingert oder die Haare gerichtet, während man mit einer
unfassbaren Überlegenheit über den Planeten philosphiert.
Man wüsste ja gar nicht, was los sei – aber
Hauptsache, der Winkel stimmt und die Klicks fließen.
Doch dieser Trend macht vor meiner eigenen Branche nicht halt. Ich beobachte mit Verwunderung, wie
immer mehr Kollegen versuchen, das Rad der Bestattungskultur neu zu erfinden – am liebsten im
Videoformat. Da werden Ausschnitte von Beisetzungen ins Netz gestellt, als wären es Trailer für den
nächsten Blockbuster.
Man geriert sich als der große Erneuerer, der plötzlich Dinge „entdeckt“ hat, die wir in unserem
Familienunternehmen seit 1872 einfach leben. Wer keine eigene Infrastruktur hat, muss das digitale
Marketing eben umso lauter aufdrehen, um die fehlende Substanz im Hintergrund zu übertönen.
Manchmal frage ich mich: Warum hat eigentlich noch keiner versucht, meinen Stil zu kopieren? Die Antwort
ist wahrscheinlich so simpel wie ernüchternd: Sie erleben zu wenig. Um über die Realität zu schreiben,
muss man sie täglich aushalten. Wenn man ein Haus führt, das nicht nur regional tief verwurzelt ist,
sondern bundesweit Aufgaben übernimmt, die weit über das Maß eines gewöhnlichen Bestattungsbetriebs
hinausgehen, muss man keinen Content „erfinden“.
Die Geschichten liegen auf der Straße – oder im Standesamt. Die meisten Kollegen produzieren jedoch nur
glattgebügelte Wohlfühl-Beiträge, weil sie die echte Konfrontation scheuen. Sie filmen lieber eine schicke
Urne im Sonnenuntergang, als sich mit der harten, bürokratischen und manchmal auch absurden Realität
unseres Berufs auseinanderzusetzen. Wer in einer Taktung arbeitet, die echte logistische Präzision
erfordert, hat keine Zeit für künstliche Inszenierungen.
Echte hanseatische Erdung bedeutet, dass man sich vorher überlegt, in welche Richtung man geht – und
dass man auch wieder zurückkommt, ohne nach der staatlichen Rettungsgasse zu rufen. Das gilt für die
Reise nach Dubai genauso wie für die Führung eines Bestattungshauses.
Man kann ein Logo kopieren oder ein Web-Design nachbauen. Aber man kann keine Jahrzehnte an
Erfahrung und schon gar nicht die Schlagfertigkeit kopieren, die man bekommt, wenn man den Beruf nicht
nur als „Business Case“, sondern als echtes Handwerk versteht, das in ganz anderen Dimensionen denkt
als der Durchschnitt.
Ihre Stimme für eine moderne Bestattungskultur
Reden wir Tacheles – Ihre Meinung im „Trauerhahn-Dialog“
„Tradition braucht den Austausch, und Fortschritt braucht Ihre Stimme. Als Familienunternehmen in der
4. Generation wissen wir, dass Abschiede so individuell sind wie das Leben selbst.
Doch oft stehen veraltete Gesetze und starre Strukturen unserem Wunsch nach Freiheit im Weg.
In unserem Kolumnen-Chatroom – unserem digitalen Gästebuch – möchten wir Ihnen den Raum geben, den die Bestattungskultur so dringend benötigt:
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