Es gibt Momente in meinem Beruf, da möchte man kurz innehalten, den Kopf schütteln und fragen: „Habe ich das gerade wirklich gehört?“
Da sitzt man in einem Beratungsgespräch. Der Vater ist gerade erst verstorben, die Tränen sind noch nicht getrocknet, die Kerze brennt noch – und dann kommt sie, diese eine Frage, die wie ein chirurgischer Schnitt durch die Atmosphäre geht: „Was passiert eigentlich mit den Goldzähnen?“
Es ist mir unbegreiflich. In einem Moment, in dem es um Abschied, Würde und das Lebenswerk eines geliebten Menschen gehen sollte, wandert der Blick mancher Hinterbliebenen bereits in den Mund des Verstorbenen, um den Materialwert zu taxieren.
Wenn ich dann erkläre, dass die Zähne Teil des Körpers sind, dass sie fest im Kiefer sitzen und dass bei einer Einäscherung aufgrund der physikalischen Siedepunkte von Metallen ohnehin nichts „einfach so“ übrig bleibt, was man mal eben in die Tasche steckt, folgt oft eine bezeichnende Reaktion.
Plötzlich ziehen sie sich zurück: „Ach so... nein, unter diesen Umständen wollen wir das natürlich nicht.“
„Unter diesen Umständen“? Damit meinen sie oft nicht den moralischen Abgrund oder den Gedanken an die Versehrtheit des eigenen Vaters. Sie meinen den Aufwand. Sie meinen, dass es nicht „sauber“ und diskret geht. Es ist die Entlarvung eines Gedankens, der nie hätte laut werden dürfen.
Wer fragt, ob man dem Vater die Zähne „entnehmen“ kann, hat den Bezug zum Menschen verloren und sieht nur noch das Edelmetall. Es ist eine Form der Entwürdigung: Den Körper des Menschen, der einen vielleicht großgezogen hat, am Ende als bloßes Rohstofflager zu betrachten.
Wir als Bestatter stehen hier als letzte Instanz der Würde. Wir sind nicht nur Dienstleister, sondern auch Schutzschilde für die Verstorbenen – manchmal sogar vor den eigenen Angehörigen. Denn eines ist klar: Die Würde eines Menschen endet nicht mit seinem letzten Atemzug. Und sie lässt sich sicher nicht in Gramm und Karat aufwiegen.
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