Digitaler Burnout am Grab

Wenn das Handy die Trauer stört

 

Es ist eine Szene wie aus einem modernen Drama: Wir stehen in der Kapelle, ein Leben wird

verabschiedet, und im Schoß der Trauergäste leuchtet das Display. Michelle Pfeiffer hat es in „The

Madison“ treffend auf den Punkt gebracht – es ist eine Respektlosigkeit gegenüber sich selbst, den

Mitmenschen und der Würde des Augenblicks.

Von der Orgelempore aus bietet sich mir oft ein erschreckendes Bild.

Während vorne bewegende Worte gesprochen werden, wandern die Daumen in der Bankreihe nervös über das Glas.

 

Kaum ist der Segen gesprochen, wird das Smartphone gezückt, als gäbe es im Jenseits ein Funkloch zu überbrücken. Sogar

am offenen Grab, im Moment des letzten Abschieds, werden Nachrichten getippt.

 

Wir verteilen bunte Kärtchen am Eingang, um an das Ausschalten zu erinnern. Doch die digitale Sucht

scheint stärker als die Etikette.

 

Löschen heißt Vergessen?

 

Viele Ratgeber sprechen davon, dass man „loslassen“ muss. Doch wer sagt eigentlich, dass man digitale

Spuren tilgen muss, um Frieden zu finden? Ich glaube: Wenn wir diese Daten löschen, nur weil ein Mensch

nicht mehr physisch unter uns weilt, dann stirbt auf Dauer auch ein Stück der lebendigen Erinnerung.

 

Die Stimme in einer alten Sprachnachricht zu hören, ist wie ein kurzes Fenster in die Vergangenheit. Es ist ein

„Guck mal hier“, das uns auch Jahre später noch zum Lächeln bringt.

Vom Wert des Behaltens

 In meinem Alltag als Bestatter sehe ich oft, wie wichtig diese digitalen Anker für die Hinterbliebenen sind.

Es ist ein moderner Reliquienschrein. Wir behalten die Nachrichten nicht, weil wir in der Vergangenheit

gefangen sind, sondern weil sie Teil unserer Identität sind. Meine Vorfahren hätten diese Möglichkeit wohl

als Wunder empfunden – die Fähigkeit, das Lachen eines geliebten Menschen jederzeit wieder hervorholen

zu können.

 

Mein Fazit:

 Hören Sie nicht auf jene, die sagen, das Handy müsse „bereinigt“ werden. Wenn Ihnen ein

Chatverlauf, ein geteilter Film oder ein Zitat Kraft gibt, dann lassen Sie den Kontakt in Ihrem Register.

 

Erinnerung braucht keinen Speicherplatz – sie braucht einen Platz im Herzen. Und wenn dieser Platz

zufällig auch auf einem Display flackert, dann ist das ein kostbares Geschenk unserer Zeit.

 

Der Trauerhahn.

 

 

 

Ihre Stimme für eine moderne Bestattungskultur

 

 

Reden wir Tacheles – Ihre Meinung im „Trauerhahn-Dialog“

 

„Tradition braucht den Austausch, und Fortschritt braucht Ihre Stimme. Als Familienunternehmen in der

4. Generation wissen wir, dass Abschiede so individuell sind wie das Leben selbst.

 

Doch oft stehen veraltete Gesetze und starre Strukturen unserem Wunsch nach Freiheit im Weg.

 

In unserem Kolumnen-Chatroom – unserem digitalen Gästebuch – möchten wir Ihnen den Raum geben, den die Bestattungskultur so dringend benötigt:

 

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