Hallo, liebe Leser der Trauerkolumne,
vielleicht haben auch Sie in den letzten Tagen die Berichte über den Abschied von jenem großen Künstler verfolgt, dessen Gesicht ganze Generationen prägte.
Es verbietet der Anstand, Namen jener zu nennen, die im hellsten Rampenlicht stehen, doch kaum war die Nachricht von seiner letzten Reise in der Welt, begann eine seltsame Dynamik. Es wirkte fast so, als gäbe es eine Rangliste, wer das größte Recht auf die Trauer hat, weil man vielleicht ein paar Projekte mehr gemeinsam bestritten hat.
Ich nenne das die „Eifersucht der Trauer“. Und ich frage mich: Seit wann ist der Abschied ein Wettbewerb?
Es ist ein Phänomen unserer Zeit, dass alles – sogar der Tod – in eine Art Hitparade verwandelt wird. Wer war näher dran? Wer hat die schöneren Anekdoten? Wer zieht das meiste Scheinwerferlicht auf sich? Wenn eine lebende Person die Bühne eines Abschieds nutzt, um die Aufmerksamkeit wieder auf die eigene Wichtigkeit zu lenken, hat das mit dem Verstorbenen oft nur noch wenig zu tun. Es ist eine Form der Selbstinszenierung, die der stillen Würde des Augenblicks nicht gerecht wird.
Diese Dynamik begegnet mir leider auch in meinem Alltag. Manchmal stehen am Grab Menschen, die sich gegenseitig unbewusst übertrumpfen wollen: „Ich kannte ihn länger“, oder „Mir hat er sein letztes Vertrauen geschenkt“. Es ist menschlich, Bestätigung zu suchen, aber im Angesicht der Endgültigkeit wirkt es deplatziert. Der Tod sollte uns eigentlich demütig machen. Er lehrt uns, dass wir im Abschied alle gleich sind. Es gibt kein „Vorrecht“ auf den Schmerz und keine Privilegien für die Tränen. Trauer ist keine Leistung, für die man eine Urkunde oder die meiste Sendezeit bekommt.
Ein wertvoller Mensch ist gegangen. Das ist der einzige Kern der Sache. Ob man Jahrzehnte Seite an Seite gearbeitet hat oder nur einen flüchtigen, aber tiefen Moment der Begegnung teilte: Die Qualität einer Verbindung bemisst sich nicht in Zahlen oder öffentlicher Präsenz. Vielleicht sollten wir lernen, die Trauer wieder als das zu sehen, was sie im Idealfall ist: Ein stilles, persönliches Gefühl. Wer wirklich trauert, braucht keine Kameras. Er braucht nur die Erinnerung und ein Stück Frieden im Herzen.
Der Trauerhahn
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