Hallo, liebe Leser der Trauerkolumne,
vielleicht haben auch Sie in den letzten Tagen die Berichte über den Abschied von jenem großen Künstler
verfolgt, dessen Gesicht ganze Generationen prägte. Es verbietet der Anstand, Namen jener zu nennen,
die im hellsten Rampenlicht stehen, doch jeder weiß wohl, wer auf dem Hügel saß und in Montana über das
weite Land schaute.
Kaum war die Nachricht von seiner letzten Reise in der Welt, begann eine seltsame Dynamik. Da wurde
eine bewegende Abschiedsrede von jener Frau gehalten, die wir alle für ihre wunderbare Stimme und die
Bühnen, die sie füllte, kennen.
Doch prompt meldete sich eine andere Weggefährtin zu Wort – eine
Persönlichkeit, die stets sportlich engagiert war und uns genau dadurch in Erinnerung geblieben ist.
Es wirkte fast so, als gäbe es eine Rangliste, wer das größte Recht auf die Trauer hat, weil man vielleicht ein
paar Projekte mehr gemeinsam bestritten hat.
Ich nenne das die „Eifersucht der Trauer“.
Seit wann ist der Abschied ein Wettbewerb?
Es ist ein Phänomn unserer Zeit, dass alles - sogar der Tod- in eine Art Hitparade verwandelt wird. Wer
war näher dran? Wer hat die schöneren Anekdoten? Wer zieht das meiste Scheinwerferlicht auf sich?
Wenn eine lebende Person die Bühne eines Abschieds nutzt, um die Aufmerksamkeit wieder auf die eigene
Wichtigkeit zu lenken, hat das mit dem Verstorbenen oft nur noch wenig zu tun. Es ist eine Form der
Selbstinszenierung, die der stillen Würde des Augenblicks nicht gerecht wird.
Diese Dynamik begegnet mir leider auch in meinem Alltag. Manchmal stehen am Grab Menschen, die sich
gegenseitig unbewusst übertrumpfen wollen: „Ich kannte ihn länger“, oder „Mir hat er sein letztes Vertrauen
geschenkt“. Es ist menschlich, Bestätigung zu suchen, aber im Angesicht der Endgültigkeit wirkt es
deplatziert.
Der Tod sollte uns eigentlich demütig machen. Er lehrt uns, dass wir im Abschied alle gleich sind. Es gibt
kein „Vorrecht“ auf den Schmerz und keine Privilegien für die Tränen. Trauer ist keine Leistung, für die man
eine Urkunde oder die meiste Sendezeit bekommt.
Ein wertvoller Mensch ist gegangen. Das ist der einzige Kern der Sache. Ob man Jahrzehnte Seite an Seite
gearbeitet hat oder nur einen flüchtigen, aber tiefen Moment der Begegnung teilte: Die Qualität einer
Verbindung bemisst sich nicht in Zahlen oder öffentlicher Präsenz.
Vielleicht sollten wir lernen, die Trauer wieder als das zu sehen, was sie im Idealfall ist: Ein stilles,
persönliches Gefühl. Wer wirklich trauert, braucht keine Kameras. Er braucht nur die Erinnerung und ein
Stück Frieden im Herzen.
Lassen wir den Verstorbenen den Vortritt auf ihrer letzten Reise – und stellen wir unser eigenes Ego für
einen Moment ganz weit hinten an.
Herzlichst,
Der Trauerhahn
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