Man kennt ihn in Hamburg: Er war erfolgreich, hat hier sein Unternehmen aufgebaut, Kinder großgezogen und das Stadtbild mitgeprägt. Ein Hanseat durch und durch. Doch wenn der Tag des Abschieds kommt, fällt die Entscheidung der Familie oft überraschend: Die Bestattung findet nicht auf dem prachtvollen Ohlsdorfer Friedhof statt, sondern auf einem kleinen Friedhof an der Ostseeküste oder in einem fernen Dorf – dort, wo er vor Jahrzehnten geboren wurde.
Als Bestatter erlebe ich das oft. Menschen werden über weite Strecken überführt, um in der Erde ihrer Kindheit zu ruhen. Es wirkt fast paradox: Man baut sich in Hamburg Stein auf Stein ein Leben auf, nur um sich hunderte Kilometer entfernt zur letzten Ruhe betten zu lassen. Warum ist das so?
In der Psychologie spricht man oft vom Heimkehr-Instinkt. Auch wenn Hamburg die Bühne des Erfolgs war, wird die alte Heimat oft als der Ort wahrgenommen, an dem die Seele „unverfälscht“ war – vor dem Stress, vor der Karriere, im geborgenen Schoß der Kindheit.
Für die Hinterbliebenen ist es ein letzter Liebesdienst, den Verstorbenen dorthin zurückzubringen, wo alles begann. Es ist Ausdruck einer Sehnsucht nach Wurzeln, die tiefer reichen als das Fundament des Eigenheims in der Metropole. Erfolg gehört zum Tun, doch die Herkunft gehört zum Sein.
Diese tiefe Sehnsucht ist so alt wie die Menschheit selbst. Schon die Erzväter im Alten Testament hatten diesen brennenden Wunsch, selbst wenn sie in der Fremde zu großem Wohlstand gekommen waren.
So gab Jakob (Israel) kurz vor seinem Tod in Ägypten seinen Söhnen eine klare Anweisung:
„Und er gebot ihnen und sprach zu ihnen: Ich werde versammelt zu meinem Volk; begrabt mich bei meinen Vätern [...] in der Höhle, die auf dem Acker Machpela liegt.“ (1. Mose 49, 29-30)
Obwohl Jakob jahrelang in Ägypten hoch angesehen war, zog es ihn im Tod zurück nach Kanaan zu seinen Vorfahren.
Dieser Instinkt zeigt uns, dass wir trotz aller Mobilität im Herzen oft die Kinder bleiben, die wir einmal waren. Die weite Reise zum Grab ist für die Angehörigen oft eine Last, aber sie ist auch ein letztes Zeugnis der Wertschätzung für die wahre Identität des Verstorbenen.
Am Ende zählt nicht nur, wo wir gewirkt haben, sondern wo unsere Seele Frieden findet. Und manchmal liegt dieser Frieden eben dort, wo der erste Windhauch uns als Kind begrüßt hat.
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Der Trauerhahn
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